Der Mann, der keinen Atem hatte – Begegnung im gefrorenen Moor von Kaltgrund
Das Moor lag da wie angehalten. Kein Vogel rief. Kein Ast knackte. Das Eis spannte sich über die dunklen Wasserflächen, dünn und glänzend, als habe jemand die Landschaft vorsichtig verpackt. Der Nebel stand so dicht, dass selbst Gedanken langsamer wurden.
Hinnerk Still kannte diesen Ort seit seiner Kindheit. Er kannte die sicheren Pfade, die tückischen Stellen und die Regel, niemals hastig zu sein. Das Moor mochte keine Eile. Heute prüfte er die alten Grenzmarkierungen, Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Kleine Wolken stiegen vor seinem Gesicht auf und zerfielen sofort.
Dann bemerkte er die Abwesenheit.
Mitten im Moor stand ein Mann. Dunkler Mantel, fest geschlossen. Die Hände ruhig an den Seiten. Sein Blick lag offen auf Hinnerk, nicht feindlich, nicht neugierig. Einfach da. Und doch stimmte etwas nicht.
Kein Atem. Kein Dampf. Keine Bewegung im Frost.
Hinnerk spürte, wie die Kälte ihm unter die Jacke kroch. „Man sollte hier nicht stehen bleiben“, sagte er mehr zu sich selbst als zu dem Fremden. Die Worte fielen schwer und versanken im Nebel.
Der Mann lächelte. Ein warmes Lächeln, seltsam fehl am Platz. Seine Augen wirkten klar, fast erleichtert, als wäre er froh, gesehen zu werden. Dann hob er langsam die Hand und legte sie auf das Eis. Es knackte leise. Unter der gefrorenen Oberfläche bewegte sich Wasser. Geduldig. Lebendig.
Hinnerk blinzelte.
Der Mann war fort.
Nur das Moor blieb. Still. Wach. Und Hinnerk verstand: Nicht alles, was keinen Atem hat, ist tot. Manche Dinge warten einfach.
Seit jenem Morgen geht er anders durch das Moor. Langsamer. Aufmerksamer. Nicht aus Furcht – sondern aus Achtung.
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