Im kleinen Ort Frosthain, tief in den schneebedeckten Bergen Bayerns, wird die Silvesternacht seit jeher mit einer Mischung aus Vorfreude und Angst erwartet. Nicht wegen des Feuerwerks oder der Neujahrsfeierlichkeiten, sondern wegen eines uralten Mysteriums, das die Dorfbewohner seit Jahrhunderten heimsucht: Das Ritual der Zwölf.
Die ungebetenen Gäste
Jedes Jahr, wenn die Kirchturmuhr Mitternacht schlägt, tauchen sie auf - zwölf Gestalten, in dunkle Mäntel gehüllt, die Gesichter verborgen unter tiefen Kapuzen. Sie erscheinen plötzlich auf dem verschneiten Dorfplatz, bewegen sich in absoluter Stille und gehen in Richtung der alten Kapelle am Waldrand. Niemand hat je gesehen, wie sie ins Dorf kommen oder es wieder verlassen. Doch immer sind es genau zwölf, keine mehr, keine weniger.
Eine jahrhundertealte Tradition
Die ältesten Bewohner von Frosthain erzählen, dass das Ritual der Zwölf so alt ist wie das Dorf selbst. Eine Legende besagt, dass die Gestalten die Seelen jener seien, die einst in einem fernen Krieg gefallen sind. Ihr unerfülltes Schicksal zwinge sie, Jahr für Jahr zurückzukehren, um die ersten Minuten des neuen Jahres in der Kapelle zu verbringen.
„Mein Urgroßvater hat sie einmal gesehen,“ sagt Martha Stillberg, die 86-jährige Chronistin des Ortes. „Er schwor, dass er einen Blick unter eine der Kapuzen warf. Er sah kein Gesicht, nur Dunkelheit, so tief wie die Nacht selbst.“
Die Neugier der Fremden
Im Laufe der Jahre haben immer wieder neugierige Besucher versucht, die Gestalten zu verfolgen oder mit ihnen zu sprechen. Doch keiner kam ihnen je näher als ein paar Meter, bevor sie plötzlich verschwanden. Ein besonders wagemutiger Journalist aus München, der vor einigen Jahren versuchte, eine Dokumentation darüber zu drehen, verschwand selbst spurlos - nur seine Kamera wurde später im Wald gefunden, eingeschaltet, aber ohne Aufnahmen.
Die unheimliche Kapelle
Die Kapelle, zu der die Zwölf gehen, steht seit Jahrhunderten leer. Ihr Altar ist mit Runen verziert, die niemand entziffern kann, und in ihrer Mitte befindet sich ein alter Steinring. Einige Dorfbewohner glauben, dass die Zwölf ein uraltes Ritual vollziehen, um den Lauf der Zeit im Gleichgewicht zu halten. Andere vermuten, dass sie die letzten Sekunden des alten Jahres in etwas Unvorstellbares verwandeln.
Und dieses Jahr?
Während der Rest der Welt das neue Jahr mit Feiern begrüßt, werden die Bewohner von Frosthain wieder hinter ihren Fenstern ausharren, die Türen verriegeln und die Gardinen zuziehen, sobald Mitternacht naht. Sie werden die zwölf dunklen Gestalten beobachten, die über den knirschenden Schnee schreiten, und sich fragen, was sie wirklich sind - und was passiert, wenn sie eines Tages nicht mehr kommen.
Das Ritual der Zwölf bleibt ein Rätsel, ein Echo aus einer Zeit, die niemand mehr versteht. Doch vielleicht, nur vielleicht, birgt die kommende Silvesternacht Antworten - wenn jemand mutig genug ist, hinzusehen.
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